Ein Miteinander-Labor als Weg aus der Krise

Macht die globale Krise krank?*

Der „Wirtschaft-in-Gemeinschaft“-Stil als Weg gegen Burnout

Von Winfried Baetz-Braunias

Als Beispiel eines gemeinschaftszentrierten, wertschätzenden Umgangsstiles im Betrieb veröffentlichte Die Tagespost am 22.10.2011 einen Gastkommentar von Winfried Baetz-Braunias: Wirtschaft in Gemeinschaft als Labor des Miteinanders...

„Die Industriegesellschaften haben nicht nur über die Verhältnisse gelebt, der Globalisierungs- und Konkurrenzdruck, Restrukturierung und Fusionen gehen zunehmend auch über die eigene Arbeitskraft. Wie der pure Finanzkapitalismus an globaler Un-Solidarität krankt, so drückt es aufs Betriebsklima und auf die Gesundheit, wenn das Firmengeschäft absolut gesetzt wird. Die Selbstmordwelle … im französischen Telekomkonzern und anderswo bezeugt die wachsende Überlastung.

Ein epidemisches Burnout auf allen betrieblichen Ebenen diagnostiziert die IG Metall jüngst nach einer Umfrage unter 3.878 Betriebsräten. Für 68 Prozent  ist arbeitsbedingter Stress seit Beginn der Krise erheblich gestiegen. 43 Prozent der Betriebe hätten keine, 26 Prozent zu wenig Hilfe für Burnout-Betroffene. Nicht selten zerbricht die langjährige Firmenidentifikation von Mitarbeitern an einem zunehmend anonym werdenden Prozess.

Viele Firmen nehmen das wahr und steuern erfolgreich gegen, doch was bringen dem Einzelnen optimierte Informationsflüsse, wenn alles auf ein effizienteres Business ausgerichtet ist? Das soziale Jahrhundert-Experiment bestand ja darin, den Menschen für die Ökonomie zu konditionieren.

Der christliche Ansatz bezieht völlig konträr Position: Die Würde des Mitarbeiters ist ein Selbstzweck und gehört genauso auf die Liste der Unternehmensziele wie eine erfolgreiche Positionierung am Markt. Wenn die Belastung zu groß wird,
muss der Einzelne Nein sagen. Die Firma muss vorbeugen und lernen, dass im Mittelpunkt der Mensch steht, dem die Wirtschaft zu dienen hat: dem Mitarbeiter im Team, nicht nur dem Kunden, und der globalen Gesellschaft, sagen die Kirchen.

Spiritualität wird für den Einzelnen ein zunehmend wichtiger Kompass bei Stress, Spiritualität hilft aber auch weiter zu denken, an den anderen, an die Welt. Das ist der Horizont in dem der Glaube die Wirtschaft verortet - ein hoher Entwicklungsanspruch. Er kommt aber nicht zwingend aus einer anderen Welt. Einerseits hat eine Studie zum Teamwork jetzt wieder bestätigt: flache Hierarchien und gutes Teamwork führen zum Erfolg, wenn der Einzelne sich wichtig fühlt und als Experte in seinem Bereich geschätzt wird.

Andererseits ein Beispiel zu Business und Gemeinschaft, bei dem Soft skills wie Teamgeist oder gutes Zuarbeiten zeigen: Wer gezielt der Beziehungslosigkeit entgegenarbeitet, lebt so Religion, “inkarniert” sie, ob er bewusst glaubt oder nicht. Das meinen auch die Unternehmer des Projektes “Wirtschaft in Gemeinschaft (WiG)”, ein dezidiert christlicher Ansatz, bei dem 750 KMU-Betriebe globale Herausforderungen meistern, solidarisches Wirtschaften für die Bedürftigen und eine hohe Qualität betrieblicher Gemeinschaft unter einen Hut bringen wollen. Neben Gewinnorientierung stehen gleichberechtigt Gemeinwohl und Wohl des Mitarbeiters.

Effizient wirtschaften  und Gemeinschaftsqualität - wie soll das passen? Der Vorschlag kommt aus urchristlicher Überzeugung und fand seinen Niederschlag  gar in der Enzyklika Caritas in Veritate. Wie Papst Benedikt 1910 bei seiner Landung in Berlin sagte, ist Religion „notwendige Grundlage für ein gesellschaftliches Miteinander”, Hier könnte sie jenseits aller Traditionspflege ihren gesellschaftlichen Nutzen beweisen, als Zukunftsvision Maßstäbe setzen, wie der weltweite WiG-Ansatz in seinem Experimentierstadium.
 
Von einer “Bulimie des Konsums” zu einer “Kultur des Gebens”, vom Burnout der Kräfte zu einer sensiblen gegenseitigen Wertschätzung? Der Mensch steht im Mittelpunkt, mehr noch: das Gemeinsame im betrieblichen Leben. Es muss sie geben, eine “christliche” Wirtschaftsvision, die alle im Blick hat, die Probleme der Welt und den einzelnen Berufstätigen vor Ort!“


* Aus: Die Tagespost, Würzburg, 22.10.2011 (überregionale konservativ-kath. Zeitung für Politik, Gesellschaft und Kultur).
Winfried Baetz-Braunias, freier Journalist, TV- und Dokumentarfilmproduzent

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