Das italienische Modell der sozialen Marktwirtschaft

Ein deutscher Weg, italienische Werte, eine anstehende Entscheidung…

Von Luigino Bruni

Veröffentlich in Avvenire am 08.07.2012

logo_avvenire Italiens Präsident  Monti hat versichert, er teile mit Deutschland die Vision von einer "in hohem Maße wettbewerbsfähigen sozialen Marktwirtschaft", und reagierte so auf andere Stimmen in Italien, die diesen vielversprechenden Begriff ins Gespräch bringen und dazu aufrufen.  Eine Wirtschaft, die sozial, marktwirtschaftlich und darüber hinaus höchst wettbewerbsfähig sein soll, könne nur allen zu Gute kommen:  den Befürwortern des freien Marktes, denen, die für soziale Bedürfnisse und Solidarität eintreten, und sogar denen, für die mithilfe des Marktes Effizienz, Leistung und Wettbewerb vorherrschen sollen.
Man sollte jedoch vorsichtig sein gegenüber Argumenten und Parolen, die allen gefallen wollen, denn gerade die Politik ist die Kunst der Entscheidung zwischen Alternativen mit unterschiedlichen Kosten und Nutzen.

Die "soziale Marktwirtschaft" ist ein Begriff mit einer deutlich nationalen Eigenart, ein wirtschaftspolitisches Modell, das in den dreißiger bis fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts von deutschen Sozialwissenschaftlern vorgeschlagen und teilweise umgesetzt wurde. Wenn wir sie heute also für Italien und für Europa aufrufen, müssen wir theoretisch und kulturell untersuchen und feststellen, was da mit "Markt" und mit "sozial" gemeint ist..

Zunächst: Wenn wir von sozialer Marktwirtschaft sprechen, dürfen wir nicht vergessen, dass mindestens ein Jahrhundert vor den deutschen Autoren sich in Europa und in Italien eine wichtige Denktradition und Wirtschaftspraxis entwickelt und strukturiert hat, die den Begriff "Sozialökonomie" für eine ganz andere Vision des Marktes verwandte als für das, was sich da als Kapitalismus entwickelte. Den Ausdruck finden wir besonders in den romanischen Ländern, obwohl man in Italien den Begriff Zivilökonomie bevorzugte, da das Adjektiv „zivil“ bei uns die Civitas Romana anklingen lässt, die Kultur der Stadt, den bürgerlichen Humanismus, die Zivilisation. Für diese alte Tradition war die Wirtschaft durchaus vom Markt geprägt, aber - und hier liegt der Knackpunkt - von einem nicht-kapitalistischen Markt, weil ihr Referenzmodell  in der Regel die gemeinschaftliche Zusammenarbeit war. Und diese Sozialökonomie hatte schon immer eine komplizierte und zum Teil widersprüchliche Beziehung zur Ideologie des liberalen Kapitalismus.

Mit anderen Worten sind die Tradition der Sozialökonomie und der liberale Kapitalismus zwei verschiedene Formen des Humanismus: für die traditionelle Sozialökonomie ist der Markt gut und zivil(isiert), wenn er an sich Ausdruck von Sozialität ist, wenn er auf Gegenseitigkeit und Gemeinschaft  gründet. Für die liberal-kapitalistische Wirtschaft ist der Markt ein ethisch neutrales Feld, und der soziale Bereich gehört typischerweise in die Privatsphäre, ins Philanthropische. Aber es geht um mehr.

Die klassische Tradition der Sozialökonomie - oder Zivilökonomie - versteht die Wirtschaft als einen von den gleichen Gesetzen bestimmten Bereich, die auch das übrige gesellschaftliche Leben regeln, und nicht , wie es im Gegensatz dazu die liberal-kapitalistische Tradition sieht, als separaten Platz mit eigener und ganz anderer Gesetzmäßigkeit (business is business). Für die Sozial-/Zivilökonomie in Italien sind das Unternehmen und der Markt keine vom Rest der Civitas getrennten Orte: die Wirtschaft ist zivil, weil die Wirtschaft eine Form bürgerschaftlichen, gesellschaftlichen Lebens ist. Genossenschaften, aber auch kleine und mittlere Unternehmen in Industriegebieten, ländliche Banken, die Familien- und Sozialunternehmen sind unsere soziale Marktwirtschaft, wo die Wirtschaft und das gesellschaftliche Leben tief miteinander verflochten sind.

Diese italienische Tradition ist immer noch überwältigende Mehrheit in der nationalen Wirtschaft: Unternehmen mit weniger als 10 Beschäftigten machen in Italien 95% der Betriebe aus, sie beschäftigen 46% der Arbeitnehmer. Und wenn wir die 21% Beschäftigten in Betrieben mit 11 bis 50 Mitarbeitern dazurechnen und die 8% in Genossenschaften sowie die 15% Angestellten in der öffentlichen Verwaltung, erkennen wir sofort, woraus der italienische Kapitalismus besteht. Unsere Wirtschaftskultur müsste folglich soziale (oder zivile) Marktwirtschaft heißen, denn unser Markt ist von Natur aus sozial. Wobei das Soziale dabei nicht von außen zur Begrenzung oder zu Korrektur dazu kommt. Und es hat all die Ambivalenzen, die Soziales mit sich bringt.

Es ist unser Modell, bei dem das Unternehmen Verantwortung übernimmt bei sozialen und familiären Problemen, die in einem Modell "Geschäft ist Geschäft" keinen Platz haben.

Auch heute noch gibt es unter den Mitarbeitern dieser unserer Unternehmen einige Leute (manchmal viele), die es nach purem wirtschaftlichem Kosten-Nutzen-Kalkül dort nicht geben würde, aber sie bleiben, weil der Unternehmer auch und vor allem die Seiten zivilen Lebens, Freunde und Menschen in Not in das Unternehmen einbringt.

Kosten aber auch Investitionen, die vor allem in Zeiten der Krise die Firmen stark gemacht haben, denn so werden Energien und Ressourcen von außerhalb der Firma zugänglich gemacht. Das italienische Modell versammelt ein "mehr" und ein "weniger", wobei das "mehr" bis vor wenigen Jahren dominant war und Italien zu echten Wundern in Sachen Wirtschaftsleistung und Bürgerengagement führte. Bis zum radikalen Umschwung durch den Finanzkapitalismus ist die italienische Wirtschaft gewachsen,- dank einer Allianz zwischen dieser familiär-gemeinschaftlichen Tradition und der mehr kapitalistischen (die wenigen großen Firmen), bei einer zentralen Rolle des Staates. Heute liegen die Dinge anders, und selbst innerhalb unseres Wirtschaftsmodells tobt der Konflikt zwischen einer kapitalistisch finanzialisierten Wirtschaft und der uralten, sozial-bürgerlichen Tradition. Genau deshalb müssen Mario Monti und andere Liebhaber des schönen Begriffs "Soziale Marktwirtschaft" uns sagen, wie sie sich - mit ihren wirtschaftspolitischen Entscheidungen und der Art der Einschnitte - die italienische Wirtschaft heute vorstellen, ob sie auf deren sozialökonomische Seele zielen und diese stärken wollen oder den Finanzmarkt-Kapitalismus.

Wer wirklich eine Wirtschaft will, die marktorientiert und sozial ist, sollte schlicht den kleinen und mittleren Unternehmen, den Familienunternehmen (und Familien im Allgemeinen), den Genossenschaften,  dem Dienstleistungssektor, den Industrieregionen, dem örtlichen Bankwesen, dem Handwerk helfen - statt sie zu behindern:  Nur das ist "unsere" Wirtschaft,  es ist keine andere in Sicht. Es ist gar nicht nötig, auf Deutschland zu schauen,- man muss nur die eigene Landeswirklichkeit besser in den Blick nehmen und schon findet man eine großartige soziale Marktwirtschaft vor,  die in den letzten Jahrzehnten "übersehen" und nicht mehr verstanden, sondern oftmals angegriffen worden ist. Es ist eine vitale Wirtschaft, die nur darauf wartet, wieder durchzustarten, gestützt auf unsere Geschichte und auf unsere Werte, die auch wirtschaftliche Werte sind.

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