Sieben Worte weisen aus der Krise

Das Vokabular des Wirtschaftswissenschaftlers Luigino Bruni1 bei einem Vortrag im norditalienischen Gazzera.

Von Fabio Poles

Veröffentlich in Gente Veneta (Wochenzeitung)

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Krise: Jede Krise ist ambivalent, man kann schlechter oder besser daraus hervorgehen, bösartiger oder gutartiger. Wir sollten bescheidener daraus hervorgehen, weniger als Verursacher, weniger allein. Wir müssen die Realität positiv angehen. Wir stehen vor der Bewältigung einer großen Aufgabe, des Überkonsums, der zu den Problemen geführt hat.

Kann der menschliche Lebenshunger durch Waren gesättigt werden? Nein. Das wichtigste im jetzigen Krisenstadium: Wer etwas zu sagen hat und es umsetzen kann, soll es sagen und machen. Jeder Mensch, der eine Hoffnung hat, muss damit arbeiten und sich den Veränderungsprozessen stellen. Hoffnung ist eine Tugend, die ausgeübt, nicht nur angekündigt wird. Sie ist eine Form der geistigen Liebe und ein Zeugnis. Wenn wir uns also in diese Richtung bewegen, wird es eine fruchtbare Krise, wenn wir es nicht tun, wird es eine furchtbare Krise.

Fest: Der Mensch ist ein Wesen der Symbole, er muss eine Liturgie feiern. Wenn man in einer Krise steckt, kann man nicht die Weihnachtsgeschenke abschaffen und die festlichen Momente wegfallen lassen. Es sind diese Symbole, die einem die Kraft geben, die Schwierigkeiten zu überwinden. Man muss die „Prämien und Preise“ wertschätzen, öffentliche nicht-monetäre Symbole (nicht die kommerziellen Incentives, die etwas kaufen wollen, was keinen Preis kennt), um gutes soziales Verhalten hervorzuheben. Wenn man in einer Krise steckt, sieht man die Dinge nicht klar und braucht eine Auszeit, die man mit etwas anderem verbringt. Genau dann muss man ein Fest veranstalten: um aus der Situation herauszukommen und die neuen Chancen klarer zu sehen.

Zutrauen: Therapeutisches Zutrauen, das Dich besser macht, ist immer dem Verletzungsrisiko ausgesetzt. Wir sind alle ein wenig Kain und ein wenig Abel. Eine Welt ohne Risiken wäre unbewohnbar. Kurz gesagt: Es hilft keinem Jugendlichen, wenn man ihm die Mühen und das Risiko zu Scheitern aus dem Weg räumt. Vielmehr müssen wir ihm die Mittel an die Hand geben, um zu leben und die Frustrationen des Lebens zu überwinden. Jede Verletzlichkeit, jede Schwachstelle im Leben ist wie ein Impfstoff: Die kleinen Wunden lehren, "die großen Hämmer" zu überwinden.

Finanzen: Zerstören wir nicht all das Gute, das wir in den Jahrhunderten der Geschichte aufgebaut haben. Eine Metapher? Das Finanzwesen ist eine Pflanze, die beschnitten werden sollte, weil sie zu groß geworden ist und die anderen auffrisst. Aber eine Welt ohne Finanzmärkte ist eine ärmere Welt. Der Markt ist ein menschliches Machwerk und es sind wir Menschen, die ihn auf das reduziert haben, was er jetzt ist. Wenn Sie von mir 7 % Zinsen verlangen, unabhängig von allem, dann beschweren Sie sich nicht, wenn dadurch negative Dinge finanziert werden. Kurz gesagt: ich muss als erster auf meine Welt Einfluss nehmen und muss fragen, „was passiert mit meinem Geld?“ Wir müssen hier und jetzt handeln. Entrüstung wird zivilgesellschaftlich nur relevant, wenn sie zu Aktion wird, ansonsten bleibt sie eine Form des Konsums.

Uneigennützigkeit (Gratuität): Das ist ein großes Thema, aber dieses Wort haben wir regelrecht reduziert aufs Negative. Es wurde zu: gratis, Null-Tarif. Aber es bezieht sich eigentlich auf die altgriechische "charis", ein Geschenk ohne Wertmaßstab, d.h. zu einem immensen Preis. Arbeiten für Lohn ist schon eine gute Motivation. Aber gut zu arbeiten bedarf der Haltung der Uneigennützigkeit. Eine gut gemachte Arbeit erfordert dieses Mehr, durch die sie zum Geschenk wird, oder die Arbeit wird nicht gut. Die Kunst des Unternehmens ist, diesen Teil der Mitarbeiter zu bekommen, ohne ihn zu erkaufen, weil diese Dimension unbezahlbar ist. Die Dinge müssen gut gemacht werden, weil es ihre Berufung ist, nicht weil sie gekauft werden. Gleichzeitig verlangt die "Uneigennützigkeit" nach Wertschätzung, sie erfordert Zuhören und Zeit.

Schwarzarbeit: Ein Unternehmen, das keine Rechnungen stellt, wächst nicht, es bleibt ein Bonsai. Es kann kein Geld reinvestieren, das nicht verbucht wurde. Auch deshalb geben die Banken heute kaum Darlehen: weil sie Bilanzen ohne Gewinne sehen, mit verdeckten, nicht berechneten Posten. Wir müssen die Regeln des Spiels ändern, des Steuersystems reformieren und es um einiges besser machen, weil es heute anscheinend oft zu Hinterziehungen verführt.

Vorsehung: Das ist ein schönes Wort. Sehr laienhaft bedeutet es, dass am Ende die Guten gewinnen. Das Gute reicht tiefer als das Schlechte. Vorsehung bedeutet: Wenn wir dem Guten treu bleiben, wird man es früher oder später auch sehen. Vielleicht kommt das Gute bei einem anderen an und nicht zu Dir, aber das Gute gewinnt. Die wahre Vorsehung überrascht Dich immer, denn sie kommt, wenn Du es nicht mehr erwartest. Sei gut, gerecht und tugendhaft in dem Vertrauen, dass keine Tat in dieser Wahrheit unbezahlt bleibt.

1 Luigino Bruni ist Wirtschaftswissenschaftler an der Mailänder Universität Bicocca und am Universitätsinstitut Sophia von Loppiano/Florenz.

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