„Wirtschaft in Gemeinschaft – eine Utopie?“

15. Mai 2013: Wirtschafts-Kolloquium der Universität Fribourg präsentiert einen Richtungswechsel

Von Gertraud Wachmann

130515 Friburgo 01 ridIst die Wirtschaft in Gemeinschaft (WiG) eine Utopie? Die Antwort zu dieser Frage, gleichzeitig der Titel des Kolloquiums über die WiG an der Universität Fribourg, fiel am Ende der Tagung sehr leicht: Die nach den Grundsätzen der WiG arbeitenden Betriebe mögen im Verhältnis zur Gesamtzahl an Betrieben zwar sehr wenige sein, aber es gibt sie!

Bereits die erste Vortragsrunde – mit Dr. Michel Vandeleene über das Charisma von Chiara Lubich, den „spirituellen Humus“ der WiG und Jean-Michel Besson, WiG-Unternehmer und Co-Verantwortlicher für das Projekt WiG in der Schweiz, mit einem Rückblick auf die nunmehr 20jährige Geschichte der WiG – weckte grosses Interesse am Thema.

Der von Dr. Vandeleene aufgezeigte reiche spirituelle Hintergrund der WiG legt die Basis für ein wirtschaftliches Handeln, in dem die Gegenseitigkeit in den zwischenmenschlichen Beziehungen, die „Reziprozität“ im Mittelpunkt steht. Aus dieser tiefen gemeinschaftlichen Spiritualität heraus wird es möglich, sogar unter den Akteuren der Wirtschaft Beziehungen aufzubauen, die die sich am christlichen Bild der Dreifaltigkeit Gottes ausrichten. Die Gegenwart Jesu, „wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind …“ (Mt 18,20), soll also den Marktakteuren nicht vorenthalten bleiben.

In der Antwort auf die Frage, warum sich Chiara Lubich bei der Gründung der WiG nicht an anderen alternativen Wirtschaftsformen orientiert hat, wurde klar, dass es sich nicht um ein von Wirtschafts-Experten ins Leben gerufenes Projekt handelt, sondern um eine Wirtschaftsform, die aus einem Charisma entstanden ist. Die Theorie folgte in diesem Fall dem Leben und nicht umgekehrt.

Dieser Aspekt wurde auch von Paul H. Dembinski unterstrichen, Professor für Strategie und internat. Wettbewerb an der Universität Fribourg. In der heutigen Wirtschaftswelt gebe es bereits „eine Art Gemeinschaft“ an verschiedenen Orten, was fehle sei der Geist. Es brauche eine Basis, einen Sinn, es müssten neue Wege gefunden werden, 130515 Friburgo 02 ridein Unternehmen zu verstehen. Der Wert der WiG liege darin, dass sie sowohl starke spirituelle und konkrete als auch intellektuelle Aspekte beinhalte.

Eine andere Frage betraf die Dreiteilung der Gewinne der WiG-Akteure. „Lassen wir das Resultat beiseite“ meint Prof. Dembinski ganz entschieden, „das Resultat, der Gewinn sagt nicht viel aus. Heute müssen wir grösseres Augenmerk auf die Wertschöpfung legen, Arbeit und Kapital müssen wieder in den Mittelpunkt rücken.“ Die WiG beschränke sich nicht auf die Gewinnverteilung am Ende der Wertschöpfungskette, die Kategorien der Gemeinschaft und Gegenseitigkeit durchdringen die Tätigkeit der WiG-Betriebe ganz.

Dr. Anouk Grevin, Dozentin für Management an der Universität Nantes, strich die Charakteristiken der WiG-Betriebe heraus und zeigte auf, was sie von anderen unterscheidet. Als konkretes Beispiel eines der 800 Betriebe weltweit präsentierte Georg Endler, Geschäftsführer von Tergon, seine Firma, einen Hersteller von Qualitäts-Bürostühlen in Montet bei Fribourg.

Wie schafft ihr es, in Deutschland Bürostühle zu verkaufen, die ihr mit Schweizer Löhnen herstellt?“ „Das frage ich mich auch“ antwortete lachend Georg Endler. Natürlich hat auch Tergon Zeiten der Krise erlebt, Zeiten der Kurzarbeit, in der Reserven eingesetzt werden mussten und an Gewinn-Teilung nicht zu denken war. Das führte zur Notwendigkeit, einen Teil des Gewinns in den Betrieb zu reinvestieren.  Mit dem zweiten Teil der Gewinne unterstützte Tergon vor allem Hilfsprojekte im Ausbildungsbereich, durch die Hilfsbedürftige die nötige Berufsbildung erlangen konnten. Wichtig war auch der dritte Teil, mit dem Ausbildungsprojekte für Jugendliche unterstützt werden, um sie in der WiG-„Kultur des Gebens“ und dem Geist der Gegenseitigkeit zu schulen.

130515 Friburgo 04 ridUnter einem umfassenderen Begriff kann die Wirtschaft in Gemeinschaft auch als Initiative von „Value Based Organizations“ (VBO) bezeichnet werden, erklärte anschliessend Luca Crivelli, Professor an der Università della Svizzera Italiana und Mitglied der zentralen Kommission der WiG. Es gibt verschiedene Initiativen, die wie die WiG soziale Probleme zu lösen versuchen. In der interessanten Gegenüberstellung zu sozialen Betrieben und Genossenschaften zeigte Prof. Crivelli Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf und schälte die grundlegende Identität der WiG-Betriebe heraus: alle Beziehungen im Geist der Gemeinschaft und Geschwisterlichkeit zu leben. Die grösste Wertschöpfung der WiG-Betriebe bestehe in ihrem Leben und Verbreiten der Reziprozität auch im Wirtschaftsleben. Da das aber ein so hohes und schwer messbares Ziel ist, bestehe die Gefahr, dass es bei den guten Absichten bleibt. Deshalb sollten sich die WiG-Betriebe darüber hinaus mindestens noch eines der Ziele der anderen VBO-Typen vornehmen: ein radikales Geben des Gewinns, ein direktes Engagement in einem Hilfsprojekt oder eine Umsetzung gemeinschaftlicher Führungsmodelle.

Ein schöner Traum, ich möchte mit Ihnen träumen!“ wandte ein Zuhörer ein, „doch wie kann das je Wirklichkeit werden?“ Es gäbe ein Bedürfnis nach Träumen, wir dürften unsere Mitmenschen nicht enttäuschen, meinte Prof. Crivelli zur Antwort. „Wir können das Mögliche träumen. Wenn wir allein träumen, bleibt es ein Traum. Wenn wir aber miteinander träumen, kann es Wirklichkeit werden!

Den interessanten Schlusspunkt des Tages bildete der runde Tisch, eingeführt und moderiert130515 Friburgo 05 rid von Patrice Favre, Redakteur des kath. Wochenmagazins „Echo“, mit der Teilnahme von Jean-Jacques Friboulet, Professor für Wirtschaftsgeschichte, und Dr. Patrice Meyer-Bisch vom Interdisziplinären Institut für Ethik und Menschenrechte der Universität Fribourg.

Prof. Friboulet hob vier Logiken hervor, die die Wirtschaftsgeschichte prägen: Erstens der Markt, das Prinzip von Leistung und gleichwertiger Gegenleistung, das auch bestimmte Rechte einschliesst. Zweitens die Notwendigkeit der Umverteilung, des Teilens, das sich manchmal auch in einem zu grossen Vertrauen in den Staat und der Vernachlässigung des persönlichen sozialen Einsatzes ausdrückt. Weiters ist auch die Gegenseitigkeit ein wichtiger Aspekt, denn die Akteure der Wirtschaft brauchen einander. Und nicht zuletzt braucht es auch das unentgeltliche Geben. Heute finden wir uns in einer Situation wieder, die in zwei Punkten diesen Logiken widerspricht: einerseits sind bestimmte Personengruppen ihrer Rechte ganz beraubt und andererseits hat der Finanzmarkt durch die totale Liberalisierung eine grosse Übermacht gewonnen und alle anderen Bereiche dadurch gebunden. Initiativen wie die Wirtschaft in Gemeinschaft seien eine Hoffnung in dieser Situation. oder wie es Professor Dembinski am Schluss ausdrückte: „Die Wirtschaft ist vom Mittel zum Zweck geworden. Sie muss zurück zum Mittel finden, es braucht einen Richtungswechsel!

Die lebhafte Schlussdiskussion wurde von Patrice Favre mit den Worten zusammengefasst: „Wir werden das Thema Wirtschaft in Gemeinschaft an der Universität Fribourg sicher weiterführen!

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