Bei der Arbeit ist das Schenken überall präsent, es wird nur übersehen.

Disputatio einer Dissertation an der Universität Nantes, zum tieferen Sinn des “Geschenks” in der Arbeit

Ein Interview mit Dr. Anouk Grevin

von Antonella Ferrucci

111207_Nantes_Anouk_06_ridAnouk Grevin, Dr. phil. im Bereich Management am Institut für Ökonomie und Management der französischen Universität Nantes, hat am 7. Dezember 2011 mit der Bestnote promoviert; dazu gratulierte ihr das Gutachterteam. Darüber hinaus wurde sie eingeladen, ihre Doktorarbeit für einen renommierten Preis einzureichen. Anouk Grevin kennt die Anfänge der WiG, denn in jungen Jahren war sie Vizepräsidentin des Internationalen Bureaus für Arbeit und Wirtschaft, das seinerzeit natürlich auch die Anfänge der WiG begleitete. Anouk (damals zusammen mit Michele Stein und Markus Ressl) verdanken wir die Idee für Datenarchiv der Diplomarbeiten über die WiG mit derzeit 334 Titeln, ihre eigene war darin eine der ersten.

Anouk, kannst du kurz darlegen, was Gegenstand deiner Forschung war?

Das Thema meiner Doktorarbeit lautete “Arbeitsunbehagen in Organisationen des Gesundheitswesens”. Dafür habe ich eine Feldstudie in zwei Organisationen durchgeführt. Irgendwann bin ich, ausgehend von einem 2009 veröffentlichten Buch des französischen Soziologen Norbert AlterDonner et prendre. La cooperation en entreprise” [Geben und nehmen. Die Kooperation im Unternehmen], darauf gekommen, dass dieses Unbehagen im Zusammenhang mit dem „Geschenk“ stehen könnte. In die Arbeit, so Alter, bringt jeder etwas von sich selbst ein: Nicht einmal die Kooperation an sich ist selbstverständlich, sie ist  nicht verpflichtend, denn in der Arbeit „schenkt man sich“ ständig. Doch das Unternehmen weiß dieses Schenken nicht zu würdigen. Es weiß nichts damit anzufangen, weil ein Geschenk eine Verpflichtung gegenüber dem anderen bedeutet. Unternehmen hingegen tendieren dazu, „Schulden“ zu vermeiden. Das war ein interessanter Ansatz für mich: Wenn du schenkst und dieses Geschenk nicht angenommen wird, wächst in dir ein Gefühl des Vertrauensbruchs, und das könnte eine Erklärung für das Arbeitsunbehagen sein. Norbert Alter sagt: “Das Management versteht es nicht, das Schenken zu würdigen”. Als Wissenschaftlerin im Bereich Management wollte ich mich damit nicht zufrieden geben. Ich wollte herausfinden, was das Management tun kann, um das Schenken zu würdigen.

Hast du darauf eine Antwort gefunden?

Ich hab’s versucht... Zunächst habe ich herausgestellt, wie viel Schenken die alltägliche Arbeit beinhaltet, in der Zusammenarbeit, im Überwinden von Schwierigkeiten. 111207_Nantes_Anouk_02_ridDieses Schenken besteht nicht in dem „Mehr“ an Überstunden, es ist all das, was du von dir selbst in die Arbeit einbringst, vor allem, was sich bei der Erledigung als schwierig erweist; genau das ist der Teil des Schenkens. Das Unternehmen hingegen setzt auf perfekte Qualität, will alles ausmerzen, was nicht rationalisierbar ist und will von Schwierigkeiten nichts hören. Deshalb habe ich mich auf die Rolle des Führungsmanagements konzentriert. In Organisationen des Gesundheitswesens ist z.B. eine Führungskraft die Krankenschwester, die die Station leitet. Der erste Punkt: „Die Arbeit muss wahrgenommen werden“. Wenn niemand sieht, wie du dich anstrengst, wenn dein Vorgesetzter nicht einmal merkt, dass du geradezu Wunder vollbringst, bist du unglücklich. Eine Führungskraft muss deshalb geistesgegenwärtig sein und die geleistete Arbeit wahrnehmen; es muss Platz sein für die Besprechung von Schwierigkeiten. So werden die gefundenen Lösungen ins Licht gerückt. Die Leitung muss den eigenen Mitarbeitern nahe sein. Dieser wichtige Aspekt kommt in den Betrieben gar nicht zum Tragen, denn die Führungskraft ist zu sehr damit beschäftigt, den Vorgesetzten Bericht zu erstatten und somit nicht erreichbar.

Des Weiteren habe ich mich soziologisch mit den Theorien des Geschenks befasst: Da wird teilweise die Auffassung vertreten, dass reine, uneigennützige Geschenke keiner Anerkennung bedürften. Das scheint mir falsch, denn es fehlt dabei die Gegenseitigkeit. Nimmt man hingegen die Theorie des bekannten Soziologen Marcel Mauss, die besagt, dass es ein “Geschenk als Gegengeschenk” gibt, findet man sich in einer Situation, die geradezu dem Handel im Markt gleicht. Nach dieser Analyse kann man die Feststellung treffen: das Geschenk muss Anerkennung finden. Es gibt nämlich ein Geben und Nehmen. Schließlich kam ich zu dem, was Luigino Bruni über die “bedingungslose Gegenseitigkeit“ sagt: Das Geschenk kann uneigennützig sein, aber gleichzeitig gegenseitig, weil es als Ziel die Beziehung hat. Das ist eine relationale Sichtweise des Schenkens, und die hat ein sehr positives Echo gefunden und wurde als „potent“ angesehen. Es gibt einen Wunsch nach Gegenseitigkeit, ein Bedürfnis, dass auch das uneigennützige Schenken gewürdigt wird.

111207_Nantes_Anouk_03_ridSchließlich habe ich mich mit der Rolle des Managements befasst: Wo finden sich die Räume, in denen der Mensch und seine Arbeit anerkannt werden? Weshalb bieten manche Meetings keinen Platz für Anerkennung? Hier muss sich die Sicht komplett ändern. Ich habe eine Analyse auf allen Ebenen des Betriebs versucht: Damit die Führungskraft diese Rolle wahrnehmen kann,  die Arbeit der Menschen anzuerkennen - und daran muss sie sich messen lassen - muss sie von anderen Aufgaben durch die Vorgesetzten befreit werden. Das ist unabdingbar, damit sie das tun kann. Das gesamte Management muss als vorrangiges Ziel auf allen Ebenen präsent sein und als Manager die Arbeit “wahrnehmen” und würdigen. Der Sinn besteht jedoch nicht in den klassischen Theorien der Handhabung menschlicher Ressourcen nach dem Motto “Ich bezahle dich für ein Ergebnis”. Es geht nicht um Anreize. Die Idee, dass jemand Anreize bekommen muss, um ein Ziel zu erreichen, impliziert die Vorstellung, dass eine Person das von sich aus sonst nicht machen würde. Doch sie macht es! Sie macht es, nur du bist derjenige, der es nicht sieht! Die Arbeitnehmer setzen sich sehr ein in ihrer Arbeit; wir müssen nur sehen, was sie tun. Das verändert die Sichtweise von Management und die Theorien über die Human-Ressourcen komplett. Alles wird normalerweise von der gängigen ökonomischen Theorie abgeleitet, dass der Mensch Egoist ist und nur auf Eigennutz bedacht: Man muss diese anthropologische Sicht ändern, die dem zugrunde liegt.

In welchem Zusammenhang all das mit der WiG steht, liegt auf der Hand. Was würdest du sagen?

Ich habe versucht, diesen Diskurs nicht mit der WiG zu verknüpfen. Doch es ist bemerkenswert, was mein Doktorvater in seinem Beitrag auf dem WiG-Kongress in Nantes äußerte: “Die WiG zeigt uns deutlich die Notwendigkeit, das Geschenk in den Unternehmen wieder wahrzunehmen: Das Schenken ist bereits da, es ist überall, man muss es nur sehen“. Wir denken immer noch, es fände sich lediglich in idealistisch orientierten Organisationen. Doch es ist überall, und die normalen Betriebe müssten es wahrnehmen. Die WiG geht noch darüber hinaus, weil das Schenken sogar eines ihrer Ziele ist…

Welche Auswirkung hatte diese Diskussion nach deiner Meinung in deiner Universität?

Es war eine Diskussion besonderer Art, etwas außergewöhnlich. Es wurde festgestellt, dass hinter dieser Arbeit meinerseits eine tiefe Überzeugung, ein Engagement steht. 111207_Nantes_Anouk_05_ridIn Frankreich ist es nicht üblich, dass während einer öffentlichen Disputatio applaudiert wird, nur am Ende. Doch nach jedem Beitrag kam Applaus. Normalerweise nehmen etwa 10 Leute teil, in dem Fall waren 65 anwesend. Die Atmosphäre war ganz speziell: Die Gemeinschaft unter allen war spürbar. Ich fühlte mich in meinen Darlegungen frei und beschwingt. Es war ein Moment des Lichts. Ein Mitglied meines Gutachterteams hatte auch an dem WiG-Kongress teilgenommen und während der Diskussion meiner Doktorarbeit mit mir darüber gesprochen. Er hat mich ermutigt, am Thema Schenken weiter dran zu bleiben: „Ich bin sicher, dass du noch viel über das Geschenk sagen kannst, gerade wegen der Erfahrung in der WiG.“ Ein anderes Mitglied sprach von Liebe, ein Wort, das man normalerweise bei Diskussionen von Doktorarbeiten zum Management nicht hört. Es gehört Mut dazu, die eigenen Überzeugungen deutlich zu vertreten, und so weit zu gehen, dass man sagt: „Wir müssen die ganze Theorie neu überdenken“ – „Man muss die Anthropologie ändern“. Ich hatte den Mut dazu, dank des Ideals aus dem Charisma von Chiara und dank der Unterstützung meines Doktorvaters, der mich bestärkt hatte: „Gehen wir der Sache auf den Grund. Wir haben nichts zu verlieren.“ Das hat großen Eindruck gemacht, denn so etwas passiert selten.

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